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Zbigniew Menschinski

Rechtsextremismus -
brutal und de luxe


Wer das Wort “Rechtsextreme” hört, denkt meistens zuerst an Glatzköpfe und Springerstiefel, an alkoholisierte und johlende Nenazis in Hooligan-Montur, an Überfälle auf Wehrlose, Terror und Einschüchterung, an eine kaum zu unterbietende Primitivität in Verhalten, Ansichten und Ausdrucksweise, an verklemmt wirkende und nicht nur sprachlich überforderte “Führergestalten”.

Doch der Groll gegen Andersartige und Andersdenkende, das Ressentiment gegen Schwache und Fremde rumort nicht nur unter kahlgeschorenen Schädeln. Längst trägt der Rechtsextremismus auch Markenkleidung, hüllt sich in feines Tuch, in Designer-Jeans und Kaschmir, pflegt einen salopp-zynischen Schickimicki-Slang, kommt pseudowissenschaftlich verbrämt daher - und hat seine Nischen auch in den Redaktionsräumen etablierter Medien gefunden, wo man ihn nie vermuten würde.

Pseudowissenschaftliche Versatzstücke

Der ultramodern gestylte Rechtsextremismus von oben bedient sich gern pseudorationaler “Argumente”. Vor allem die ohnehin wissenschaftlich sehr umstrittene Soziobiologie wird von einschlägig interessierten Kreisen aus dem rechtsradikal angehauchten Milieu gern auf ihre Zwecke hin getrimmt, reduziert und vergröbert.

Anstatt wie früher von “rassischer Höherwertigkeit” oder “vererbter Überlegenheit der Eliten” zu sprechen, säuselt man in diesem Dunstkreis heute von “genetisch fixierten Überlebensvorteilen”. Anstatt von “Führertyp” spricht man von “Alphatier”, anstatt von “Ausmerze” von “Selektionsdruck”. Soziale Unterschiede beruhen in den deodorierten Publikationen rechtsextremer Kreise auf “erblich bedingter Leistungsfähigkeit”, nicht mehr wie vormals auf Herren- und Untermenschentum.

Das Vokabular hat sich geändert, die Inhalte sind die gleichen geblieben. Wie in der Epoche des Kolonialismus oder während der Nazizeit will man mit diesen pseudowissenschaftlichen Versatzstücken suggerieren, gesellschaftliche Missstände, Bildungsnachteile ließen sich nicht verändern, Menschen seien von Geburt an determiniert, durch die Natur aufgeteilt in eine Elite und ein Fußvolk, Siegertypen und Parias, ein für allemal klug, tüchtig, dumm oder faul. So soll das Bild einer Kasten- und Ständegesellschaft in den Köpfen der Leser installiert werden.

Nun haben seit jeher seriöse empirische Untersuchungen immer wieder gezeigt, dass rassistische Vorurteile, dass starre genetische Fixierungen barer Unsinn sind, dass vielmehr die Prägung durch Kultur, Erziehung, Zuwendung, Umwelt, Lernen und nicht zuletzt die Fähigkeit zur Selbstkritik das Verhalten und die Lebensgestaltung viel entscheidender bestimmen als das erbliche Gerüst. Neuere Egebnisse der Neurobiologie und Genforschung (Eric Kandel, Antonio Damasio, Gert-Jan van Ommen, Craig Venter, Hannah Monyer) zeigen sogar eine noch größere Flexibilität, Veränder- und Formbarkeit des Gehirns, der Neuronen und Gene als selbst “links” angehauchte Wissenschaftler, wie z.B. Noam Chomsky, sie bisher vermuteten. (siehe dazu DIE ZEIT, 25, 2008: “Erbgut in Auflösung” und FAZ-Sonntagszeitung, 51, “Dirigenten im Denkerstübchen”)

Der “fein gekämmte” Rechtsextremismus auf Samtpfoten und mit Kreide in der Stimme ignoriert diesen abgesicherten Forschungsstand und hausiert mit Stereotypen aus dem vorletzten Jahrhundert. Dazu gehört auch das Märchen von den unzähligen Unterschichtfamilien, die angeblich schon “seit Generationen” von Sozilahilfe leben. Eine Generation währt circa 25 bis 30 Jahre. Bis 1980 gab es bundesweit nicht einmal 300.000 Menschen, die von Sozialhilfe leben mussten, heute sind “dank” Schröder-Fischer, Merkel-Steinbrück rund sieben Millionen Mitbürger auf Hartz IV angewiesen, darunter mehr als zwei Millionen Kinder. Diesen Menschen einen genetischen Defekt oder eine Konditionierung zur Armut - und das seit Generationen! - zu unterstellen, ist schlicht absurd.

Der “Gutmensch” - ein von rechts goutiertes Stereotyp

Ein weiteres geradezu inflationär gebrauchtes Stereotyp unter der rechtsradikal angehauchten Schickeria ist der Begriff “Gutmensch”. Damit sollen jene ZeitgenossINNen, die Chancengleichheit, soziale und faire Behandlung, vor allem benachteiligter Mitbürger, einklagen, als Moralapostel mit überheblichem Arroganzgebaren abgestempelt werden. Sozialkritik wird nicht mehr inhaltlich überprüft, sondern als Charakterfehler hingestellt, der Kritiker wird persönlich verunglimpft.

Die Motive für die Kritikimmunisierung des rechten Luxussegments liegen nicht nur im politischen, sondern vor allem im psychologischen Bereich. Der Rechtsextremismus de luxe ist vor allem unter der jeunesse doree verbreitet und sonnt sich gern im Gefühl eigener Hochleistung und Hochwohlgeborenheit. Durch Mahnungen zu sozialer Verantwortung oder durch Konfrontation mit offensichtlichen Ungerechtigkeiten fühlen diese Teile sich schlicht im Genuss belästigt. Die als “Gutmenschen” Titulierten sind für sie pathologische Störenfriede und Spielverderber.

Die überzogenen Reaktionen aus der rechten Ecke, die manchmal geradezu maßlose Verunglimpfung ihrer Kritiker rühren vor allem daher, dass im Unterbewusstsein der sich elitär dünkenden Rechtsextremen rudimentär immer noch das Wissen schwelt, dass die meisten von ihnen keineswegs aufgrund eigener Leistung zu ihren Privilegien gelangt sind, sondern schlicht durch ererbte Pfründe. Das Kratzen am Lack wird daher als schwerer persönlicher Affront empfunden.

Der sozialdarwinistisch unterfütterte Rechtsextremismus de luxe ist aber nicht nur unter den Lesern der JUNGEN FREIHEIT zuhause; er hat auch in den Jugendorganisationen der Union und der FDP seine Anhänger. Das zeigen die Gedankenspiele zur Beschneidung des Wahlrechts für Arbeitslose und Rentner eines Gottfried Ludewig, Bundesvorsitzender des RCDS, der Studentenorganisaton der CDU oder der Vorschlag eines Philipp Mißfelder, Chef der Jungen Union: “Ich halte nichts davon, wenn 85-Jährige noch künstliche Hüftgelenke auf Kosten der Solidargemeinschaft bekommen (…) Früher sind die Leute schließlich auch auf Krücken gelaufen.”

Rechter Zahlensalat und Märtyrer-Märchen

Das Luxussegment der Rechtsradikalen versucht aktuell, um den hässlich-brutalen Rechtsextremismus eine Art Märtyrerkranz zu flechten und enthemmte Schlägerbanden als Opfer polizeilicher und medialer Gewalt zu stilisieren. Nachdenklich stimmt, wie es diesen rechtsextremen Drückerkolonnen inzwischen gelingt, sogar ein ehemals kritisches Organ wie den Spiegel ins Bockshorn zu jagen.

Am 26.12.2008 hatte die Frankfurter Rundschau gemeldet, dass die Anzahl rechtsextremer Straftaten dieses Jahr einen neuen Rekordstand zu erreichen droht. Knapp 11.928 rechtsextreme Straftaten seien allein bis Oktober verzeichnet worden. Das ließe in der vorläufigen Statistik zum Jahresende einen Stand von ca. 14.000 rechtsextremen Straftaten befürchten.


Nun hat SPIEGEL online jüngst den eigenen Beitrag (mit der besorgniseregenden Zahl von 11.928 rechtsextremen Straftaten bis Oktober) mit folgender Begründung aus dem Netz genommen:
“Tatsächlich liegt die von der FR, anderen Medien und in der Folge auch von SPIEGEL ONLINE berichtete vorläufige Zahl von Straftaten bis Ende Oktober 2008 (knapp 12.000) mit mutmaßlich rechtsextremem Hintergrund deutlich unter der endgültigen Zahl, die das Bundesinnenministerium für 2007 veröffentlichte (gut 17.600). Wir bitten, diesen Fehler zu entschuldigen.”

Der SPIEGEL übersieht: Die Zahl 17.600 für 2007 ist die endgültige Gesamtbilanz rechtextremer Straftaten gewesen, die im April/Mai des Folgejahres (!!!) festgestellt wurde. Die Gesamtbilanz liegt erfahrungsgemäß um 35 bis 40 Prozent höher als die vorläufige Jahresstatistik im Dezember/Januar.

Der SPIEGEL selbst wies im Januar 2006 auf diesen Zusammenhang hin. Hätten die SPIEGEL-Redakteure, anstatt sich von rechtsradikalen Zahlenjongleuren irritieren zu lassen, ihr eigenes Archiv befragt, wären sie am 7.1.2006 auf den Beitrag ihres Mitarbeiters Philipp Witrock gestossen, der erklärt: “Das Bundesinnenministerium weist darauf hin, dass es sich bislang nur um vorläufige Zahlen handelt. Erfahrungsgemäß müssen diese bis zur Veröffentlichung der abschließenden Statistik im Mai dieses Jahres noch deutlich nach oben korrigiert werden, weil die Polizei in der Regel etliche Taten nachmeldet.”

Die vorläufige Statistik zum Jahresende 2008 lässt einen Stand von rund 14.000 rechtsextremen Straftaten erwarten, die endgültige Gesamtbilanz im April 2009 lässt für das Jahr 2008 demnach über 20.000 rechtsextreme Straftaten befürchten. Diese Zahl von über 20.000 muss mit den 17.600 Straftaten der Endbilanz von 2007 verglichen werden. Und das ergibt in der Tat einen besorgniserregenden Zuwachs.

Es ist traurig, wie ein einstmals qualitativ hochstehendes Nachrichtenmagazin sich von Rechtsradikalen an der Nase herumführen lässt und zur Verniedlichung der rechtsextremen Gefahr beiträgt. Bleibt zu hoffen, dass der Grund der SPIEGEL-Panne samt Werbung für die rechtsextreme Szene nicht bei einer Gesinnungsaffinität in der Redaktion zu suchen ist, sondern am fehlenden Überblick, an schludriger Recherche und an mangelnder Beherrschung des Prozentrechnens lag.



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