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Sara Bandner


NELLY und die Brüder Mann


Es gibt Frauen, die bleiben zeit ihres Lebens und auch danach noch im Halbdunkel. Nelly Kröger-Mann geborene Westphal, die Geliebte, Lebenspartnerin, Ehefrau von Heinrich Mann, gehört zu diesen Menschen. Schon um ihre Herkunft ranken sich Geheimnisse. Zu ihrem Mädchennamen gibt es unterschiedliche Angaben. Fest steht, sie wurde als uneheliches Kind der Dienstmagd Bertha Margaretha Elise Westphal geboren. Wer der Vater war, ist nicht geklärt. Der Arbeitgeber ihrer Mutter oder ein Landbriefträger? Es wird viel spekuliert in den Biographien über sie. Ihr Lebenslauf enthält, bis sie auf den Schriftsteller Heinrich Mann stößt, viele Lücken, auch die Umstände ihres Endes, die Motive und Hintergründe sind nicht restlos geklärt.

Wohl kaum ein Brüderpaar hat in der Literatur so viel erreicht, so viel Aufmerksamkeit gefunden wie Heinrich und Thomas Mann. Die Animositäten der beiden gegeneinander sind bekannt. Thomas Mann schreibt sinngemäß in einem seiner Briefe: Wahre Brüderschaft bedeutet immer auch Feindschaft.

Vor und während des ersten Weltkriegs kreisten die Konflikte vor allem um das Politische. Heinrich Mann war ein scharfer Gegner der Wilhelminischen Kaiserzeit und der Militärbegeisterung im Dunstkreis des ersten Weltkriegs. Thomas Mann sah sich damals eingebettet in die staatstragende Schicht. In seiner Essaysammlung „Betrachtungen eines Unpolitischen“ aus den Jahren 1915-18 jubelt er über den Zusammenbruch der verhassten, von den »Zersetzungsstoffen der Zivilisation« stinkenden »Friedenswelt«. Im Aufsatz „Gedanken im Kriege“ lobt Thomas Mann den militärischen Kampf der deutschen Kultur gegen die „barbarische Flachheit des Westens“, rühmt er den Waffengang gegen den »anti-heroischen« Geist der »wölfisch-merkantilen Bourgeoisie-Republiken«. Nach dem Krieg hat Thomas Mann diese Phase hinter sich und bekennt sich zur Weimarer Republik.

Der Lebenswandel von Heinrich und Thomas Mann könnte unterschiedlicher kaum sein. Heinrich Mann verkehrte in Kreisen der Bohème und des „Milieus“, Thomas Mann achtete stets peinlich auf standesgemäßen Umgang und bürgerliche Reputation.

Mit der Machtergreifung der Nazis kamen die Brüder Mann sich politisch näher. Beide lehnten Hitlers Regime ab. Die Konflikte kreisten nun um die Person an Heinrichs Seite: Nelly. Heinrich Manns Gefährtin, Lebenspartnerin, Ehefrau, wurde Stein des Anstosses bei den Manns. Nelly wurde 1898 als Emmy Johanna Westphal nahe Lübeck geboren. Ihre Mutter war Dienstmädchen bei einer jüdischen Familie. Sie kam unehelich zur Welt. Den Namen „Nelly“ gab Emmy sich in der Volksschulzeit. Nachdem die Mutter den Fischer Nicolaus Kröger geheiratet hatte, erklärte dieser auf dem Standesamt, dass die Tochter seiner Gattin seinen Namen tragen dürfe. Mit 22 Jahren ging Emmy alias Nelly nach Berlin, verdingte sich als Näherin, dann als Animierdame. 1929 lernte Heinrich Mann sie am Kurfürstendamm kennen. Schon bald zogen sie zusammen. Aus der Sicht etlicher arrivierter Freunde Herinrichs, vor allem aber der Familie Thomas Manns, eine Verirrung - auch wegen des Altersunterschieds. Heinrich Mann war 27 Jahre älter als Nelly.

Man könnte meinen, Heinrich Mann hätte sein populärstes Buch, „Professor Unrat“, aufgrund seiner Erlebnisse mit Nelly geschrieben, wird darin doch die Geschichte eines etablierten Bürgers erzählt, der dem Zauber einer Varietésängerin verfällt. Das Buch, das Ende der zwanziger Jahre mit Marlene Dietrich und Emil Jannings unter dem Titel „Der blaue Engel“ verfilmt wurde, erschien jedoch bereits 1905. Die Bekanntschaft mit Nelly machte Heinrich Mann aber erst 1929.

Von außen betrachtet, hätte Nelly sich glücklich schätzen müssen, einen Menschen wie Heinrich Mann gefunden zu haben, etabliert, erfolgreich, fürsorgend. Doch nicht alles war eitel Sonnenschein in dieser Beziehung. Vor allem Thomas Mann und seine Familie waren gegen diese Liaison Heinrichs, auch wenn meistens der Schein gewahrt wurde.

Heinrich Mann hat Nellys Leben in einem seiner Romane nachskizziert. 1937 erzählte Nelly Kröger dem Literaturmäzen Hermann Kesten, sie habe ihr Leben auf Heinrich Manns Drängen hin aufgeschrieben. Er habe das Manuskript gelesen, sehr gelobt und dann ins Kaminfeuer geworfen. Danach habe er ihr ganzes Buch nochmals geschrieben, und zwar den Roman ’Ein ernstes Leben’“.
Die Parallelen zwischen der Hauptfigur des Romans, Maria Lehning, und Nelly sind eindeutig: Heimatstadt Lübeck, aus einfachsten Verhältnissen stammend, Umzug nach Berlin, Arbeit als Schneiderin, dann als Bardame, dubiose Bekanntschaften, Intrigen um ein Kind, das auf ominöse Weise „abhanden“ kommt. Wenn nur die Hälfte der Romanerzählung den Erfahrungen Nellys entspricht, dann ist ihr Leben chaotischer, härter, grausamer verlaufen als sich in den gängigen Biographien widerspiegelt.

1933 muss Heinrich Mann Deutschland fluchtartig verlassen. Er entkommt den Nazis nach Südfrankreich. Nelly reist später nach. In Südfrankreich schreibt Heinrich Mann seine Romane über das Leben des Königs Henri Quatre. Nelly ist in Heinrich Manns Freundeskreis eine geschätzte Erzählerin, doch sie kämpft auch mit Alkoholproblemen, unternimmt einen Selbstmordversuch. 1939, acht Tage nach dem Beginn des 2. Weltkriegs, heiraten Nelly und Heinrich in Nizza.

Als Nazideutschland im Frühsommer 1940 Frankreich besiegt, müssen die deutschen Emigranten fliehen. Die Ehepaare Feuchtwanger, Werfel und Mann machen sich auf den Weg über die Pyrenäen. Über Madrid und Lissabon gelangen die Flüchtenden per Schiffspassage nach New York und schließlich nach Hollywood. Augenzeugen versichern, dass der damals 69jährige Heinrich Mann ohne Nellys Hilfe wohl kaum die Strapazen der Flucht bewältigt hätte.

Um so bitterer muss ihr die Eiseskälte erschienen sein, mit der sie weiterhin im Hause Thomas Mann behandelt wurde. Thomas Mann bezeichnete sie als “arge Hur“, seine Frau Katia nannte sie nur „das Stück“. Heinrich Mann, der in den USA auf die Hilfe seines weitaus erfolgreicheren Bruders angewiesen war, übernahm wohl allmählich und eher unbewusst dessen Reserviertheit, ging innerlich auf Distanz zu Nelly. Ihre Alkoholprobleme verschärften sich in den USA. Trotzdem sorgte sie engagiert für ihren kränkelnden Ehemann. Sie trug in dieser Zeit nicht unwesentlich zum gemeinsamen Unterhalt bei – als Nachtschwester, Tellerwäscherin.

Nachdem sie Anfang 1944 betrunken von Polizisten aufgegriffen wird und bald darauf einen Selbstmordversuch unternimmt, stimmt Heinrich Mann der Einweisung in eine geschlossene Klinik zu. Sie beklagt sich in einem Brief aus dem Krankenhaus vom 30. Januar 1944 mit den Worten:
„Lieber Heinrich, bedenke, als Du krank warst,… ich habe Dich auch nicht in eine Anstalt gebracht…“

Knapp ein Jahr später, am 17. Dezember 1944, nimmt Nelly Kröger-Mann sich mit einer Überdosis Schlaftabletten das Leben. Der Aufstieg „einfacher Mädchen“ in die Sphären des gehobenen Bürgertums endet selten wie im Musical „My Fair Lady“, gereicht ihnen eher nicht zum Glück. Nelly Kröger-Mann war sicher eine schwierige Persönlichkeit, aber Thomas Mann und seine Familie waren das auf ihre Art nicht minder.






 KOMMENTARE 
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Andrea Hausner am 21.11.2011 um 13:27:57:
Ein sehr lesenswerter Artikel. Und die einen sind im Lichte und die andern sieht man nicht, fällt mir zum Schicksal dieser kaum bekannten Frau ein. Es ist erstaunlich, wie sehr selbst Genies in die Irre gehen können.

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