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Chris-Oliver Schulz
Früher war alles besser und damals war alles noch in Ordnung.
Zunächst einige Fragen entlang der Debatte und der Klagen des Verlustes der Vaterfigur, der 'Niedergang der Autorität'. Es scheint, als wäre das ein Kennzeichen unserer heutigen Gesellschaftsordnung, aber diese Klagen sind nicht neu. Zu Zeiten beispielsweise, in denen das Kino zu einer bürgerlichen massenkulturellen Institution wurde, war es – einerseits – die zentrale Aufgabe des Films „...die Familie als gesamtgesellschaftlichen Disziplinierungsfaktor zu restituieren. […] 'Rettung der Familie' ist in ähnlichem Sinne auch die Devise der deutschen Reformbewegung“ (Schlüppmann1990:10).
Es stellt sich die Frage, was da beklagt wird, einen Ruf nach was beinhaltet diese Klage? Wer verzeichnet einen Niedergang und wer nicht? Ein Blick auf die Nachkriegszeit zeigt weitere Klagen über eine Art Werteverfall:
„Die harten Lebensbedingungen der Nachkriegszeit in Deutschland wirken sich besonders auf Kinder und Jugendliche negativ aus. Mangelnde Ernährung und Fürsorge, unregelmäßiger Schulbesuch, der Verlust väterlicher Autorität und ungeordnete Familienverhältnisse begünstigen Verwahrlosung, unmoralisches Verhalten und Kriminalität“ (Ruhl 1988:31f).
Diese zwei Beispiele der Debatten von damals sollten nur einen Einblick in diese Klagen geben, die auch heute immer wieder laut werden und oft auch dies an der Vaterfigur festmachen. In seiner Biographie „Le Mots“ scheint Sartre seine Vaterlosigkeit als Privileg zu beschreiben, „da sie ihn von der Strenge des Gesetzes und den Forderungen eines Über-Ich entband“. 'Lastet' auf der Position eines Vater-seins tatsächlich eine Art Aufgabe, die im gesellschaftlichen Diskurs mit Autorität bezeichnet wird?
In aktuellen Debatten ist die Rede von der Allgegenwärtigkeit des Sexuellen, einer Kultur des Genießens, eine Entwicklung, die zu „einem Abbau der Vaterfunktion in der ödipalen Strukturierung und gesellschaftlichen Autorisierung führe“ (Clam 2007:44). Weiters merkt Clam an, dass gerade in diesen Debatten eine kastrationsbejahende- oder begründende Psychoanalyse sich vor unbewussten Motivallianzen hüten solle und sie somit ihre eigenen Impulse einer Analyse unterziehen müsse (vgl. Clam 2007:45).
Geht es im Kontext einer Familie, wie auch immer diese gestaltet ist, nicht viel mehr um stabile Positionen, entlang derer sich die Nachkommenschaft etablieren und entwickeln kann. Stabile Positionen, die eine Art klar werdende Struktur in wechselseitigem Prozess erzeugen und repräsentieren? Aber was hätte dies allein mit einer autoritären Vaterfigur zu tun und warum haben die Feststellungen über deren Niedergang oft einen Beigeschmack von einer Art Verfall der Gesellschaft? Stellt sich hier die Frage, wann es besser war und für wen? Und woran würde dies beurteilt?
Ohne Vater?
Melanie Klein war zunächst, vielleicht könnte man sagen, in der Rolle der Frau gefangen:
Verheiratet, drei Kinder, die „ehrgeizigen Träume ihrer Jugend“ blieben lange unerfüllt, bis sie sich nach mehreren Krankheiten und Kuraufenthalten als zunächst Patientin zu Sandor Ferenczi (Budapest) begibt. Sie wird schlussendlich seine Schülerin, er ermutigt sie Kinderanalytikerin zu werden, was ihre einzige Chance ist, als „Frau ohne Studium und Berufsausbildung“ so Diercks.
1919 schließlich wird sie in die Ungarische Psychoanalytische Vereinigung aufgenommen und ihr Vortrag vom 5. Internationalen Kongress „Der Familienroman in statu nascendi“ wird publiziert. 1921, als sie 39 Jahre alt ist, beginnt eine zweite Lehranalyse bei Karl Abraham, der sie ebenfalls ermutigt ihre Forschungen fortzusetzen und nach seinem Tod 1925 zieht sie weiter nach London auf Einladung Ernest Jones´. Ohne nun das ganze Theoriegebäude Melanie Kleins´ zusammen zu fassen und dem Ganzen gerecht werden zu können, seien nur einige Einzelteile hervorgehoben, die zeigen, wie Vater und Mutter vertreten sind.
Bei Klein besteht der erste Einschnitt in die symbiotische Beziehung in der Geburt selbst, sie stellt „eine apokalyptische Katastrophe“ dar, „die nicht nur mit Todesangst einhergeht, sondern auch eine archaische Aggression mobilisiert“ (Rhode-Dachser). Es dreht sich Vieles um Objekte und Phantasien. Auffressen, Gefressen werden, Aggression, Verfolgung, schneiden, beißen, penetrieren, Vernichtung, Wiedergutmachung.
Eine Art Wanderung durch das Tryptichon von Hieronymus Bosch:
Der Hauptschauplatz ist die Mutter - ihr Körper - an dem alle sexuelle Vorgänge und Entwicklungen vom Kind vermutet werden, so Diercks. Die früh mobilisierte Aggression gälte dem Mutterleib und seinen Inhalten (Penis, Babys, Exkremente), die das Kind rauben oder zerstören möchte, es projiziert diese Gefühle aber auch auf die Mutter, die damit zu einem verfolgenden Objekt wird, vor dessen Rache das Kind sich fürchtet, da durch das Projizieren die Mutter nun rauben und zerstören wolle, so Rhode-Dachser. In der frühen Zeit entwickelt sich bereits ein frühes Über-Ich und das sich später entwickelnde Ich habe die Synthese, des durch die gegensätzlichen Identifizierungen ('gute und böse Objekte') gebildete frühe Über-Ich zur Aufgabe (also eine Harmonisierung, auch in Anbetracht der äußeren Realität). Inwieweit ein gutes Objekt introjiziert wurde, ist ausschlaggebend für eine positive weitere Entwicklung. Später nimmt Klein die Wechselwirkung von Lebens- und Todestrieb in ihre Theorien auf. Die Mutterfigur wird nach und nach (Synthese) wahrgenommen als diejenige, von der das 'Gute' wie auch das 'Böse' kommt (ein Beispiel wäre die „gute und die böse Brust“, also die Anwesende und Abwesende). Die vorangegangen Zerstörungswünsche erzeugen Schuldgefühle, Wiedergutmachung/ Wiederherstellung will geleistet werden am geschädigten Körper der Mutter.
Eine Triangulierung setzt ein und – ja er, der Vater taucht auf: Mutter und Vater werden zunächst als eine Art einheitliche Elternfigur empfunden (was nun eine Interpretation meinerseits ist), vereint durch „gewalttätigen, bedrohlichen Geschlechtsverkehr“, d.h. das Kind ist quasi 'nur' Zeuge, nicht Teilnehmer dieser einheitlichen Elternimago. Dieses ausgeschlossen-Sein lässt wiederum Aggression und Vernichtungsphantasien in Richtung dieser Imago aufkommen, aber auch hier glätten sich die Wogen 'durch' das Ich, die Wiederherstellung und Wiedervereinigung der Elternteile:“Es ist dann der Vater, der mittels seines heilsamen Penis die Mutter heilen kann und ebenso selbiges die Mutter mit ihrer Vagina“ so Diercks. Vielleicht sei noch anzumerken, dass Klein von einer Weiblichkeitsphase spricht, für beide Geschlechter gleichermaßen. Das Mädchen hat „von vornherein eine unbewusste Kenntnis der Vagina“ und des Weiteren stellt sie Freuds´ Begriff des Penisneid einen Weiblichkeitskomplex des Mannes gegenüber. Beiderseits ein „versagter Wunsch nach dem besonderen Organ“. Es dreht sich sehr um eine Art zugrundeliegendes Wissen der eigenen Geschlechtlichkeit und eine heterosexuelle Entwicklung ist in gewisser Weise impliziert.
Fraglich vielleicht auch der Ansatz der Erziehung als Richtschnur:“Auch beim kleinen Kinde ist deshalb die zu starke Ablehnung der Realität […] ein Kennzeichen der Neurose, die sich nur durch ihre Äußerungsformen von der Realitätsflucht des erwachsenen Neurotikers unterscheidet. Darum muß auch in der Frühanalyse eines der Endergebnisse die gelungene Anpassung an die Realität sein. Sie drückt sich beim Kinde unter anderem in der Verminderung von Erziehungsschwierigkeiten aus; es ist eben fähig geworden, reale Versagungen zu ertragen“ (Gesammelte Werke II, 27). In wie weit hier die Elternfiguren hinterfragt wurden, weiß ich nicht, aber es ist ein Hinweis auf ein sich quasi bedingungsloses Anpassen an das Gegebene und man kann den Eindruck bekommen, dass bei Kindern so etwas möglichst früh schon zurecht gebogen würde.
Da wäre ich wieder bei der Autorität und kam dort hin, obwohl der Vater scheinbar nicht die zentrale Rolle spielt. Die Kastration kommt viel eher zu Wege durch eine Arbeit des 'Ich', eine Anpassung an die Realität, die das Ich leisten müsse. Wenn sich Realitäten ändern, dann wird ein Ich dem nachkommen, da dieses in dieser frühen Zeit ein anderes Verständnis von Realität hat als die erwachsenen Personen drum herum?! Was ist nun mit unserer vaterlosen Gesellschaft? Suchen wir uns Ersatzkastratoren? Irgendetwas, wogegen man anrennen kann, etwas das nicht umfällt? Ohne wenn und aber? Sexualisierung der Gesellschaft, parallel Debatten über die 'Unsitte' stillender Mütter in der Öffentlichkeit. Veränderungen. Neue Freiheiten und neue Grenzen. Überwachungsstaat, Verbote, Verordnungen. Sind das Zeichen, Manifestationen einer Angst?
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Autorität: aus dem Lateinischen auctoritas: maßgebender Einfluss, Geltung, Ansehen, abgeleitet vom Lateinischen auctor: u.a. Urheber, Vorbild, Ratgeber, Bürge
Zum Nach-und Weiterlesen:
Clam, Jean: Die Gegenwart des Sexuellen. Zwischen déhiscence und Inständigkeit, im Reader zum Kongress
„Sexuelles Genießen – heute. Ende der Verdrängung?“, Sonderheft des Berliner Briefs, 2007
Diercks, Christine: Zu den Frühstadien des Ödipuskomplexes bei Melanie Klein. In: Pycho-Sexualität, Grundlagen Infantile Sexualität, Libido, Todestrieb, Mandelbaum Verlag 2008
Rhode-Dachser Text: „Aggression, Zerstörung und Wiedergutmachung in Urszenenphantasien. Eine textanalytische Studie“ auf
http://www.rohde-dachser.de/pdf/aggression-zerstoerung.pdf
Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse VI,
http://archive.org/details/InternationaleZeitschriftFrPsychoanalyseVi1920Heft2
Ruhl, Klaus-Joerg: Frauen in der Nachkriegszeit 1945-63, Deutscher Taschenbuchverlag München, 1988 abgerufen auf:
http://germanhistorydocs.ghi-dc.org/pdf/deu/Vol.8_Chap.12_Doc.11_GER.pdf am 6.7.2012
Schlüppmann, Heide: Unheimlichkeit des Blicks, Das Drama des frühen deutschen Kinos, Stroemfeld/Roter Stern, Basel, Frankfurt a.M., 1990
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