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ELGA - Elektronische Gesundheitsakte
ttt
Karina Böhm


Alles paletti in der Medizin?


Diese Frage und die Gefahren und Risiken von ELGA, der elektronischen Gesundheitsakte, diskutierten im Mai der Allgemeinmediziner Dr. Franz Mayrhofer von den Grünen ÄrztInnen und Margot Ham-Rubisch, Grünen-Fachreferentin für Gesundheit, Pflege und Bildung. Die Veranstaltung fand in der Grünen Bildungswerkstatt Wien statt. Rund 50 Interessierte folgten ihr mit Spannung.

Zahlen, Daten, Fakten.
„Österreich gibt rund 20 Milliarden Euro für die Gesundheitsversorgung aus. Das entspricht in etwa 9% des BIP und damit liegen wir im OECD Durchschnitt“, sagt Mayrhofer. Eine dynamische Entwicklung gab es bei den praktizierenden Ärzten seit 1960. „Damals hatten wir 12.000 Ärzte, im Jahr 2010 waren es 40.000.“ Davon praktizieren in Wien derzeit 11.500, und von diesen wiederum seien 2.960 Allgemeinmediziner. Davon hätten aber nur 840 einen Kassenvertrag. „Die Hälfte der niedergelassenen Ärzte hat keinen Kassenvertrag!“, bemerkt der Mediziner. Der Rest seien Wahlärzte, bei denen Patienten einen Selbstbehalt bezahlen müssten. Somit stünden diese Ärzte de facto all jenen, die sich diese Selbstbehalte nicht leisten können, nicht zur Verfügung. Unter diesem Gesichtspunkt ist die Versorgungssituation also weniger berauschend als sie auf dem Papier daher kommt.

Begrenzte Kassenkontingente.
Die fachärztliche Versorgungssituation in Wien muss differenziert betrachtet werden. „Beispielsweise haben wir relativ viele Internisten, jedoch einen massiven Mangel an Augenärzten, Orthopäden oder weiblichen Gynäkologen“, sagt Mayrhofer. Um hier einen Termin zu bekommen, müssten die Patienten zum Teil monatelange Wartezeiten in Kauf nehmen. Verantwortlich dafür sei die Gebietskrankenkasse (rund 80% der Bevölkerung sind dort versichert), die nur ein bestimmtes Kontingent an Kassenplätzen zulässt. Das führe dazu, dass Patienten sich vermehrt gezwungen sähen, kostenanteilspflichtige Wahlärzte in Anspruch zu nehmen. Die Krankenkassen komme das günstiger, die Patienten aber teurer. „Die Ärztekammer fordert daher dringend mehr Kassenstellen“, so Mayrhofer.

Österreich im Spitzenfeld bei Selbstbehalten.
„Im EU-Vergleich liegt Österreich bei den Selbstbehalten im Spitzenfeld, gleich hinter den Niederlanden“, informiert Mayrhofer. Mit Rezeptgebühren von derzeit 5,15 Euro und den Spitalsgebühren werden gesundheitlich beeinträchtigte Menschen zum finanziellen Aderlass gebeten. „Dass bei uns in regelmäßigen Abständen die Rezeptgebühr erhöht wird, daran haben sich die Menschen anscheinend schon gewöhnt“, bemerkt der Mediziner. „Keiner schreit mehr auf.“

Steigender Medikamentenkonsum, gefährliche Wechselwirkungen.
In Österreich werden mehr Medikamente denn je verschrieben – und auch geschluckt. „Es werden viel zu viele Medikamente verordnet“, kritisiert Mayrhofer. „Die Leute kommen heute mit Arztbriefen und Listen von 20 Medikamenten und mehr aus den Spitälern.“ Da alle Medikamente Nebenwirkungen und oft gefährliche Wechselwirkungen mit anderen haben, ist diese Entwicklung besonders kritisch zu bewerten. Auch von Seiten der Patienten stünden Ärzte immer häufiger unter Verschreibdruck. „Beeinflusst durch Werbung kommen viele Patienten schon mit bestimmten Medikamentenwünschen in die Ordination“, berichtet Mayrhofer aus rund 30 Jahren Berufserfahrung.


ELGA ruiniert Arzt-Patienten-Verhältnis.
„Mit ELGA wird die ärztliche Verschwiegenheit zum Kostenfaktor“, zeichnet Mayrhofer ein düsteres Bild. Denn: „Nur wer seine Arztbesuche privat bezahlen kann, braucht seine Daten dem System nicht zur Verfügung stellen.“ Ärztliche Verschwiegenheit und Vertraulichkeit im Arzt-Patienten-Verhältnis kosten dann also Geld.
Zur Erklärung: Geht es nach der Republik Österreich und Gesundheitsminister Stöger soll ab 2013 von jedem Österreicher und jeder Österreicherin eine elektronische Gesundheitsakte (ELGA) erstellt werden. Jedes verschriebene Medikament, jeder Befund und auch die verschreibungsfreien OTC (over the counter)-Produkte sollen in den Apotheken beziehungsweise vom Arzt in das System eingeschleust werden. „Aufgrund der Datensammlung können dann sehr leicht Rückschlüsse auf die Krankheit gezogen werden“, sagt Mayrhofer.

Datenschutz in Gefahr!
Tausende Ärzte und Apothekenangestellte werden auf diese Daten Zugriff haben, und auch die Krankenversicherung bekommt das Recht, Einblick in ELGA zu erhalten. Missbrauch in Sachen Datenschutz sind Tür und Tor geöffnet, bedenkt man den enormen Wert, den diese Daten für (potentielle) Arbeitgeber und die Profit maximierende Pharmaindustrie darstellen.

Zweifelhafter Nutzen von ELGA.
„Der administrative Aufwand in Apotheken und Arztpraxen wird jedenfalls gewaltig“, ist Mayrhofer überzeugt. Auch werde das System wegen der vielen Wechselwirkungen zwischen Medikamenten dauernd anschlagen. „Welcher Arzt möchte dann noch die Verantwortung übernehmen, haftbar sein und Strafen riskieren?“
Laut Regierung sei ein Nutzenaspekt von ELGA die Vermeidung teurer Doppelbefunde. Diesem Scheinargument widerspricht Mayrhofer: „Befunde, zum Beispiel für OP-Freigaben, dürfen ohnedies nicht älter als zwei Wochen sein!“
Schon jetzt droht die Regierung den Ärzten bei Nichtteilnahme an ELGA mit 10.000 Euro-Strafen. „Wer ELGA nicht möchte, sollte dies unbedingt seinem Arzt sagen“, so Mayrhofer. „Wir brauchen die Patienten als Verbündete gegen ELGA, sonst kommt es im Gesundheitswesen zum Super-GAU.“

7 Schwerpunktspitäler.
„Bis zum Jahr 2030 sollen sieben neue Schwerpunktspitäler in Wien entstehen“, informiert Ham-Rubisch im letzten Teil der Veranstaltung. Diese Schwerpunkthäuser würden Operationen und Versorgung durch in ihrem Fach ständig geforderte und daher geübte Experten ermöglichen. Dass im Zuge der Neustrukturierung Krankenhäuser und Ambulanzen in Wien eingespart werden, gefällt einigen im Publikum weniger.

Zukunft gehört den Gruppenpraxen.
Die Zeiten haben sich geändert: Überfüllte Spitalsambulanzen, längere und unregelmäßige Arbeitszeiten der Erwerbsbevölkerung und überforderte Einzelordinationen verlangen nach Veränderungen im niedergelassenen Bereich. „Ordinationen sollen für Berufstätige länger offen halten. Sie sollen eine bessere Infrastruktur bieten und nach Möglichkeit keine Urlaubssperren haben“, sagt Mayrhofer. Unter den heutigen Bedingungen könne ein einzelner Arzt mit einer Sprechstundenhilfe diesen Anforderungen kaum mehr gerecht werden. Daher seien Gruppenpraxen die Lösung der Versorgungszukunft: „Die Politik soll hierfür entsprechende Impulse und Rahmenbedingungen schaffen“, fordert Mayrhofer, der selbst eine Gruppenpraxis betreibt. Auch wünscht der Mediziner, dass Sozialarbeit vermehrt in bestimmten Gruppenpraxen stattfinden soll und die Krankenkassen keine Einzelverträge mehr vergeben sollten. Denn viele seiner Kollegen würden unter den derzeit schlechten Kassen-Rahmenbedingungen leiden, was auch für die Patientin nicht gut sei.

Fazit.
Abschließend ist festzuhalten, dass für einen besseren Gesundheitszustand der Bevölkerung nicht allein die Maßnahmen der Gesundheitspolitik ausschlaggebend sind, sondern die gesamtgesellschaftlichen Rahmenbedingungen. Denn für einen gesunden Lebenswandel brauchen wir ein gesundes Umfeld in den Bereichen Bildung, Arbeit und Familie. Dann sterben die Menschen laut Statistik auch in Rudolfsheim-Fünfhaus und Ottakring nicht mehr um Jahre früher als in Währing oder Döbling.


Links.

ELGA-Kampagne der Ärztekammer


ELGA: Frequently asked Questions


Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen


Grüne Ärztinnen und Ärzte


Grüne Bildungswerkstatt Wien



 KOMMENTARE 
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morbus boeck am 2.7.2012 um 12:49:19:
Auf ELGA freuen sich nur die Rechtsanwälte ...

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