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Peter Gach


Delogierungsprävention, oder was?


Aus Schnittstellen Nahtstellen machen. Netzwerkarbeit in der Wohnungslosenhilfe. Das war Titel und Programm zugleich der Fachtagung der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAWO) vom 14.¬–16. Mai 2012 in St. Pölten. Zentrales Thema des Berichts ist die Delogierungsprävention, als wirkliche Hilfe, aber auch als ständige Herausforderung.


Das Vernetzungstreffen Delogierungsprävention wurde moderiert von Heidemarie Supper von FAWOS (Fachstelle für Wohnungssicherung) der Volkshilfe Wien und war gut besetzt. Den ersten Wortmeldungen war zu entnehmen, dass es schon längere Zeit intensive Vernetzungstreffen in den Bundesländern gibt. Eine Mitarbeiterin von FAWOS ergriff das Wort und erzählte von gar seltsamen Dingen. FAWOS wird nur dann aktiv, wenn es bereits eine Delogierungs- bzw. Räumungsklage gibt, und auch nur dann, wenn es sich dabei um Wiener Wohnen handelt. Sie berichtete weiter, dass eine Beratung nur dann gewährt wird, wenn dies auf Freiwilligkeit beruht. Jetzt wurde ich mit einem Schlag hellhörig. Die Mitarbeiterin von FAWOS verstieg sich zu der Behauptung, dass es Leute geben soll, die angeblich kein Interesse daran haben, ihre Wohnung zu behalten, sondern möglichst billig delogiert werden wollen. Und schon folgte der nächste Hammer: Delogierungen wären für Wiener Wohnen eine sehr teure Angelegenheit.

Es dauerte eine Weile, bis das soeben Gehörte den kritischen Bereich meiner kleinen, grauen Zellen erreichte, doch dann kam ich aus dem Staunen nicht mehr heraus. Wir reden hier von Delogierungsprävention, also einem elementaren Grundsatz, wenn es um die Vermeidung von Wohnungslosigkeit geht. Auf der Homepage von FAWOS liest sich das so: «FAWOS sucht gemeinsam mit Ihnen Wege, Ihre Wohnung zu sichern, wenn Sie das wollen.» Nun ist das, was die Mitarbeiterin von FAWOS da von sich gegeben hat, so ziemlich das genaue Gegenteil von Delogierungsprävention. Es mag sein, dass es Betroffene gibt, die – sagen wir einmal euphemistisch – eigenartig reagieren, wenn sie vom Verlust der Wohnung bedroht sind. Alles andere aber kann nur Spekulation sein oder aber Vorwand, um nicht aktiv werden zu müssen oder eben Hilflosigkeit und Abwehr. Ich kann mir gut vorstellen, dass es für Sozialarbeiter_innen nicht immer leicht ist, mit Menschen vernünftig zu arbeiten, die sich in enormen Schwierigkeiten befinden und die ihr Leben einfach nicht in den Griff bekommen. Ich weise mit Entschiedenheit die Behauptung zurück, dass diesen Menschen nicht geholfen werden kann. Für manche Sozialarbeiter_innen mag es eine Herausforderung sein, auch in hoffnungslosen Fällen kreative Lösungen zu finden. Andere haben vielleicht schon längst resigniert. In keinem Fall aber ist es angebracht, sich auf die Seite von Wiener Wohnen zu stellen.

Was Mieterschutz betrifft, war Wien in den 1920er und -30er Jahren weltweites Vorbild. Wer damals mit der Miete in Rückstand geriet, dem wurde der Betrag gestundet. Konnte die betroffene Person danach immer noch nicht bezahlen, dann ließ man das Ganze einfach unter den Tisch fallen. Leider galt das nur für Mieter_innen von Gemeindewohnungen. Wien aber war damals wirklich ein rotes Wien, und nicht dieses verwaschene rosarote Wien von heute. Nicht umsonst war Hugo Breitner wohl der meist gehasste Sozialdemokrat der Zwischenkriegszeit.


Die «eigenen vier Wände»

Eine Wohnung zu haben, ist etwas ganz Elementares im Leben eines Menschen. Die «eigenen vier Wände» gehören zu jedem Menschen und machen somit einen guten Teil seiner Identität aus. Hierher können wir uns zurückziehen, um Kraft zu tanken und ein wenig Ruhe zu finden, wenn einmal etwas nicht so klappt, wie wir uns das vorgestellt haben. Wir können Freunde und Bekannte einladen, wenn wir es wollen. In all der langen Zeit, die wir hier leben, haben wir uns gemütlich eingerichtet und Dinge zusammengetragen, die einfach zu uns gehören. Wir lesen Bücher, die unser Interesse geweckt haben, wir hören Platten, die uns gefallen oder wir sehen Filme, die uns einmal beeindruckt haben. All das gehört zu unserem Wesen, das ist unser Ich und noch viel mehr.

Zum Glück war ich noch nie in der bedauernswerten Lage, die Wohnung zu verlieren, allerdings bin ich zwei Mal knapp an einer Räumung vorbei geschrammt. Daher möchte ich hier meine persönlichen Erfahrungen einbringen, wie mit solchen, die Existenz bedrohenden Räumungsklagen, umgegangen werden kann. Vorausschicken möchte ich, dass ich erst vor wenigen Tagen 62 Jahre alt geworden bin und an zwei inzwischen chronisch gewordenen Krankheiten leide, nämlich an Diabetes Typ-2 und an Hepatitis C mit Leberzirrhose im Anfangsstadium. Wegen der insulinpflichtigen Diabetes, ist es wichtig für mich, wenn alles an seinem Platz ist, angefangen von den Nadeln, dem Gerät zum Zucker messen, den Teststreifen, den beiden Insulintypen (das eine für den Langzeitzucker, das andere für den Tageszucker) mit jeweils einer eigenen Spritze, bis hin zum Kugelschreiber und dem Diabetikertagebuch. So gesehen räume ich gerne ein, dass es einen erheblichen Unterschied macht, wenn jemand wie ich davon bedroht ist, die Wohnung zu verlieren oder ein junger Mensch, der seine Rolle in der Gesellschaft noch nicht gefunden hat. Die Mitarbeiterin von FAWOS hat niemals auch nur den Versuch gemacht, zu differenzieren und sie hat ihre Behauptung auch nicht begründet.

Doch weiter mit meiner Geschichte: Lange vor der ersten Räumungsklage habe ich bereits erste wichtige Schritte gesetzt, die es mir später ermöglicht haben, dem drohenden Wohnungsverlust ohne Angst entgegenzutreten. Nach einem wirklich tiefen Fall, ausgelöst durch die ungerechtfertigt ausgesprochene fristlose Entlassung, stand ich schon bald alleine da. In dieser Zeit hatte ich lange Zeit eine einzige Gesprächspartnerin, mit der ich über all meine Probleme reden konnte. Das war eine Mitarbeiterin von «sambas» – Beratung bei Arbeits- und Wohnungslosigkeit, ebenfalls ein Angebot der Volkshilfe Wien, die mir immer aufmerksam zugehört hat und die mir sehr oft mit Rat und Tat geholfen hat. Das hat schon nach sehr kurzer Zeit zu einem gegenseitigen Vertrauensverhältnis geführt, so dass ich mit ihrer Unterstützung kleine Schritte zur Besserung getan habe. Ein ganz wichtiger Schritt war die Einsicht, dass ich mir nicht mehr selbst helfen konnte, sondern dass ich auf die Hilfe und Unterstützung anderer angewiesen war. Diese Erkenntnis fällt vielen Grönemännern nicht immer leicht, denn wann ist der Mann ein Mann? Sicher nicht, wenn er sich selbst nicht mehr helfen kann. Mit der Erkenntnis, dass ich Hilfe benötigte, war der erste Schritt bereits getan. Und ich hatte noch einmal großes Glück, denn ich traf immer wieder auf Menschen, die richtig reagierten.

Wichtig ist, wie mit der Angst umgegangen wird, ob die Angst einen Menschen beherrscht und für die Dauer ihrer Herrschaft hilflos macht, oder ob sich die betroffene Person der Angst stellt und ihr so nach und nach, in kleinen Schritten die Macht nimmt. Das geht nicht immer ohne Rückschläge, doch werden die Rückschläge verkraftet, so gibt es am Ende immer eine Belohnung; manchmal nur eine kleine, dann wieder eine größere, was zum Weitermachen motiviert wie das Sammeln von Vitaminen in einem Abenteuerspiel.



Kreative Lösungen sind gefragt

Das alles habe ich nicht vergessen, auch wenn ich nicht immer daran denke. Daher bin ich – und ich spreche hier durchaus als Betroffener – sehr dafür, wenn in extremen Fällen nach kreativen Lösungen gesucht werden könnte. Hier müsste unbedingt berücksichtigt werden, dass sich der oder die Betroffene in einem Ausnahmezustand befindet, von dem nicht gesagt werden kann, wie lange es dauern wird, bis ausreichend Vertrauen hergestellt und damit begonnen werden kann, «eigene» Lösungen zu entwerfen. Ja, und nur so nebenbei, jeder Mensch hat eine zweite Chance verdient.
Das kann ganz sicher nicht durch eine Einrichtung wie FAWOS alleine geschehen, sondern erfordert ein ganzes Netzwerk von Fachstellen und Einrichtungen der Sozialhilfe, die besonders bei Problemfällen auf möglichst vielfältige Art und Weise aktiv werden, um so einen individuellen Mix aus verschiedenen Angeboten erstellen zu können. Denn wer von einer Delogierung bedroht ist, ist längst Opfer einer falschen Lebensweise geworden und kann gar nicht mehr vernünftig handeln, selbst wenn er_sie es wollte. So gesehen müsste eine nachhaltige Delogierungsprävention wesentlich früher einsetzen.

Schließlich ging es bei der BAWO-Fachtagung 2012 um Schnittstellen und Netzwerkarbeit. Oder habe ich da etwas falsch verstanden?


Zuerst erschienen in Augustin. Nr. 323, S. 32-33


Peter Gach


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