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Es reicht! Für alle!



„Bei 750 Euro Mindestsicherung und einer bescheidenen Wohnung um 350 Euro – unter diesem Preis bekommt man bei uns einfach nichts mehr – kann es sich unter Berücksichtigung von Kosten für Heizung, Energie, Mobilität, gesunde Ernährung, Bildung, Kleidung und Teilnahme am sozialen Leben schon rein rechnerisch nicht ausgehen.“
(Michaela Moser)



Martin Schenk und Michaela Moser



„Sichtbar werden und bleiben, Vernetzung und Kooperation mit anderen Organisationen und Personen suchen, entschieden gegen die Infomacht der Medien vorgehen und zugleich selbst kluge Medien- und Öffentlichkeitsarbeit leisten.“
(Martin Schenk)
ttt
Karina Böhm


Es reicht! Für alle!


So lauten vielversprechend ein im Deuticke-Verlag erschienener Buchtitel und die gleichnamige Diskussion am 20. Juni in der Volkshochschule Alsergrund. Im Rahmen der Veranstaltungsreihe Café Sozial sprachen die AutorInnen Martin Schenk und Michaela Moser über ihr gemeinsames Buch.

Bei Schweiß treibenden 35 Grad im Schatten begrüßt Moderator und Initiator des Café Sozial, Peter Gach (Gutes Leben für Alle), seine Gäste und das zahlreich erschienene Publikum. „Ich freue mich, heute beim Café Sozial, das nun zum zweiten Mal in seiner Geschichte stattfindet, die SozialexpertInnen und AutorInnen Michaela Moser und Martin Schenk zu ihrem Buch zu hören. Beide sind in der Armutskonferenz aktiv. Im Anschluss an die Veranstaltung wird es wieder die Suppe für Alle geben.“


Argumentationshilfe gegen Klischees.

In ihren einleitenden Worten erklärt Moser, dass das Buch „Es reicht! Für alle! – Wege aus der Armut“ auch als Argumentationshilfe gegen hierzulande herrschende Mythen und Klischees rund um das Thema Armut dienen soll. Solche Klischees seien zum Beispiel „es gibt bei uns keine Armut – die gibt es doch nur in Afrika“ oder „Arbeitslose wollen gar nicht arbeiten“.
„Im Buch präsentieren wir sozialpolitische Fakten verwoben mit konkreten Betroffenen in konkreten Situationen“, sagt Moser. Mit Armut assoziierte und im Buch behandelte Themen seien unter anderem Erwerbsarbeit, Sorgearbeit, Pflege, Kinderarmut, Alleinerziehende, steigende Wohnkosten oder Schulden. „Bei all dem war und ist unser Ausgangspunkt, dass es sich bei Armut um ein Verteilungsproblem handelt“, so die Sozialexpertin. Denn auch in der Krise gilt: „So schlecht sind die Zeiten nicht, wenn wir den Wohlstand gerechter verteilen und den Reichtum richtig investieren.“


Was mensch zum Leben braucht.

Ein Kapitel des Buches behandelt das Thema, was ein Mensch in unseren Breiten zum Leben eigentlich so braucht, um halbwegs würdig und gesund über die Runden zu kommen. Moser, die früher bei der Schuldnerberatung mitgearbeitet hat, kennt die Probleme der Menschen, bei denen es sich hinten und vorne auch beim besten Sparwillen einfach nicht ausgeht. „Bei 750 Euro Mindestsicherung und einer bescheidenen Wohnung um 350 Euro – unter diesem Preis bekommt man bei uns einfach nichts mehr – kann es sich unter Berücksichtigung von Kosten für Heizung, Energie, Mobilität, gesunde Ernährung, Bildung, Kleidung und Teilnahme am sozialen Leben schon rein rechnerisch nicht ausgehen.“ Die Mietpreise hätten in den letzten Jahren wie nie zuvor angezogen und würden auch in den nächsten Jahren noch weiter steigen. Selbst Gemeindewohnungen seien laut einer Veranstaltungsteilnehmerin aufgrund von Sanierungs- und Aufwertungsmaßnahmen für viele kaum mehr leistbar. Eine andere Teilnehmerin berichtet vom Verlust eines Zahnes. Die Krankenkassa hätte ihr den Ersatzzahn nicht bezahlt. Rund 1.000 Euro hat sie für den neuen Zahn bezahlen müssen. Doch woher nehmen? Wie Ersparnisse für Gesundheit oder kaputte Therme, Waschmaschine und Kühlschrank anlegen, bei einer Mindestrente oder 750 Euro Mindestsicherung?


Neue Mindestgrenze 1.200 Euro.

Die SozialexpertInnen haben einen Betrag von 1.200 Euro pro Person und Monat errechnet, um ein dem österreichischen Lebensstandard halbwegs entsprechendes Leben führen zu können. „Bei der Mindestpension, der Mindestsicherung und meist auch beim Arbeitslosengeld liegen wir da aber weit darunter“, zeigt Moser die düstere Realität.


An mehreren Schrauben drehen.

Laut Schenk müsse, um Armut erfolgreich zu bekämpfen, stets an mehreren Schrauben gedreht werden: „Die Probleme von Armut sind komplex und hängen fast immer eng miteinander zusammen. So wissen wir zum Beispiel aus Studien und der Lebenspraxis, dass Wohnungslosigkeit krank macht. Ebenfalls wissen wir, dass schlecht bezahlte und sinnentleerte Arbeit krank macht.“ Gerade im Dienstleistungssektor hätten ab den 90er Jahren Werkverträge, geringfügige Jobs und Scheinselbständigkeiten unter dem Spar- und Kostendruck vieler Firmen zugenommen. Aufgrund dieser prekären Beschäftigungsverhältnisse könnten sich viele Menschen die Sozialversicherung nicht mehr leisten. Moser ergänzt: „Es gibt immer mehr Menschen, die sich entscheiden müssen, ob sie ihre letzten 50 Euro für die Krankenkasse oder die Miete ausgeben wollen. Den meisten ist es wichtiger, ein Dach überm Kopf zu haben.“ Diese Entwicklung sei alarmierend und die Politik müsse hier wieder für sichere und besser bezahlte Arbeitsverhältnisse sorgen.


Desintegrierende Arbeit ohne Perspektive steigt!

„Früher stand, wenn es um die Vermittlung von Arbeitsplätzen ging, Arbeit als Integrationsinstrument im Vordergrund“, erklärt Schenk. Auch heute sollte Arbeit in die Gesellschaft integrieren, jedoch das Gegenteil sei der Fall. Denn im Rahmen von unnützen Arbeitsmarktprojekten habe die sinnentleerte und aussichtslose Arbeit zugenommen. „Dequalifizierte, krank machende und schlecht bezahlte Arbeit ohne Perspektive geht immer mehr in die Mittelschicht hinein“, sagt Schenk zu den aktuellen Entwicklungen. Moderator Gach fügt kritisch hinzu: „Die Leute stehen nach Jobs, wie zum Beispiel U-Bahnreinigung doch genau wieder dort, wo sie vorher waren.“ Aus dem Publikum beklagt jemand passend: „Solche Jobs sind kein Sprungbrett mehr, sondern sie bringen dich erst recht aufs Abstellgleis.“ Laut Schenk pendeln rund 42 Prozent der MindestsicherungsbezieherInnen zwischen solch aussichtslosen Jobs und der Mindestsicherung hin und her. Freilich gehöre auch Arbeit anders verteilt.


Möglichkeiten und Ausblick.

Die Möglichkeiten Betroffener und der engagierten Zivilgesellschaft seien laut Schenk folgende: „Sichtbar werden und bleiben, Vernetzung und Kooperation mit anderen Organisationen und Personen suchen, entschieden gegen die Infomacht der Medien vorgehen und zugleich selbst kluge Medien- und Öffentlichkeitsarbeit leisten.“
Für den heutigen Abend bleibt den Gästen und Besuchern des Café Sozial zunächst nur die heiße Suppe für Alle. Und das bei 35 Grad im Schatten! Dafür aber war sie umso leckerer und bekömmlich mit zartem, leichtem Gemüse.



Martin Schenk: Studium der Psychologie, Sozialexperte der Diakonie und Mitbegründer des Anti-Armut- Netzwerks „Die Armutskonferenz“ (Österreich). Er erhielt zahlreiche Preise und Auszeichnungen und schreibt regelmäßig für verschiedene Tageszeitungen.

Michaela Moser: Studium der Theologie und Philosophie, Sozialexpertin, Ethikerin und PR-Beraterin, Mitarbeiterin der Dachorganisation der staatlich anerkannten Schuldnerberatungen Österreichs, Vizepräsidentin des European Anti Poverty Networks und langjährige Aktivistin der österreichischen Armutskonferenz.

Nächstes Café Sozial: 19. September 2012, 19:00 Uhr, VHS Alsergrund: Galileigasse 8, Thema: Grundeinkommen, Gast: Markus Blümel von der Katholischen Sozialakademie Österreich, Eintritt frei.



Links.

Initiative, Selbsthilfegruppe: Gutes Leben für Alle


Die Armutskonferenz


Allianz: Wege aus der Krise


Buch




 KOMMENTARE 
(zum Selber-Schreiben - hier klicken)

Caroline F. am 29.6.2012 um 12:24:06:
Durch das bGE erübrigen sich sämtliche Sozialleistungen. Von daher kommt ein Teil des Geldes, der andere kommt von Vermögenssteuern, Transaktionssteuer. Steuern müssen im eigenen Land bezahlt werden, nicht auf Bahamas, in Liechtenstein u. Co. Das Geld ist da. Es reicht. Für alle!

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Grundeinkommen Unerpressbar am 23.6.2012 um 17:24:46:
Es stimmt: Mit 750 Euro kann man sich im Grunde nur verschulden! Dass das Geld da ist, ist eine längst errechnete Verteilungsfrage. Allein der politische Wille fehlt. Zudem muss endlich das bedingungslose Grundeinkommen her: Nur so wird niemand mehr von Arbeitgebern, Behörden und LebenspartnerIn mehr unterdrückt und erpresst werden können! Was meinen die anderen?!

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