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Peter Gach


Sinn und Unsinn
"aktivierender" Arbeitsmarktpolitik



Ein ganz persönlicher Kommentar zu einem Standard-Artikel von Regina Brickner


Ich erinnere mich noch an Zeiten, wo arbeitslose Personen, die einen Kontrolltermin (das hiess damals auch noch anders) versäumten, eine Postkarte mit einem Ersatztermin bekamen. Nur dem, der auch diesen Ersatztermin versäumt hatte, wurde der Bezug des Arbeitslosengeldes bzw. der Notstandshilfe vorübergehend eingestellt bis zu dem Zeitpunkt, wo er oder sie sich wieder beim AMS anmeldete. Das war so um 1980, die Arbeitslosigkeit betrug damals etwas mehr als 50.000 Menschen oder 1,87 Prozent der erwerbsfähigen Österreicherinnen und Österreicher. Im Juli 2012 waren 227.869 Personen beim AMS als Arbeit suchend gemeldet. (1)

So um 1980 wurde mir vom AMS eine Ausbildung zum Schweisser angeboten, die ein Jahr lang dauern sollte. Noch bevor ich mich für diesen Kurs angemeldet hatte, bekam ich vom AMS noch eine Stelle als Druckereiarbeiter beim Globus-Verlag angeboten. Schweisser war nicht unbedingt das, was ich mir unter einem Traumberuf vorstellte, daher nahm ich den Termin zum Vorstellungsgespräch beim Globus-Verlag wahr und wurde prompt als Druckereiarbeiter aufgenommen. Das war die bisher best bezahlte Arbeit, die ich angenommen hatte, und das Betriebsklima war für westliche Verhältnisse geradezu paradiesisch zu nennen.

In der Zwischenzeit hatte sich viel verändert. Der Computer hielt unaufhaltsam Einzug in die Arbeitswelt. Zwar wurde der Traum vom papierlosen Büro niemals Wirklichkeit, eher im Gegenteil. Arbeitnehmer_innen mussten nun auch Kenntnisse in EDV haben, wenn sie eine Arbeit bekommen wollten. In der Folge wurden immer mehr Arbeitsplätze wegrationalisiert, fielen also dem technischen Fortschritt zum Opfer, und Druckereien litten unter der Umstellung von Blei- auf Lichtsatz. Eine Druckerei, die auf dem Markt bestehen wollte, musste mit möglichst wenig Personal Tag und Nacht drucken oder für immer zusperren. (2)


Von sozialökonomischen Betrieben zur sozialen Hängematte?

Vor diesem Hintergrund wird verständlich, dass seither die Zahl der Arbeitslosen stetig im Steigen begriffen war. So um 1990 hörte ich zum ersten Mal von einem SÖB (Sozialökonomischer Betrieb). Ein SÖB hatte gewöhnlich zwei Arten von Jobs, unbefristete Arbeitsplätze für Menschen mit Behinderungen und Jobs für die Dauer von maximal einem Jahr für Langzeitarbeitslose. Um diese Zeit litt ich an schweren Depressionen und ich verstand nicht, wieso es ausgerechnet für Menschen, die bereits lange arbeitslos waren, nur noch befristete Arbeitsplätze bzw. Jobs gab. Wer lange arbeistlos ist, der neigt wohl auch öfter zu Depressionen als andere Menschen und gerade solche Menschen brauchen Zukunftsperspektiven, die diesen Namen auch verdienen. Ein zeitlich befristeter Job in einem SÖB ist für einen Menschen mit Depressionen alles andere, nur keine Zukunftsperspektive, sondern ein Hohn. Unverständlich war für mich auch, dass ausgerechnet Vertreter der sozialdemokratischen Partei, die ja immer noch an Vollzeitarbeitsplätzen festhalten, solche befristeten Jobs als Erfolg und mitunter sogar als Wohltat gefeiert haben.

Was steckt dahinter, wenn von sehr vielen Arbeitslosen immer nur ganz wenige einen zeitlich befristeten Job in einem SÖB bekommen können? Bei einer Lotterie würde man mit einiger Berechtigung sagen, dass die Durchgefallenen Nieten sind. Wenn die Nieten aber Menschen sind, wie du und ich und die womöglich gleich neben dir auf dem Gang wohnen, dann ist diese Haltung an Menschenverachtung kaum noch zu überbieten.

Es ist einfach, den Leidtragenden und Opfern die Schuld an ihrem Versagen zuzuschreiben. Du hast die Arbeit verloren? Selber schuld. Du hast ein Alter erreicht, das für den Arbeitgeber unattraktiv geworden ist? Selber schuld. Du hast dein ganzes Leben lang geschuftet und jetzt bist du krank und kannst nicht mehr hackeln? Selber schuld. Solche Ausreden sind immer noch billiger als Geld in die Hand zu nehmen und den Betroffenen eine zukunftsfähige Ausbildung zu ermöglichen.


Was ist aus der berühmten Solidarität geworden?

Gelegentlich bemerkte mein Vater scherzhaft, dass die Solidarität die teuerste Zeitschrift der Welt wäre. Mein Vater arbeitete bei den Verkehrsbetrieben und war sein ganzes Leben lang Sozialdemokrat, Manchmal frage ich mich, was mein Vater zur Aktion 4000 gesagt hätte. Die Aktion 4000 ist eine Kooperation zwischen den Wiener Linien und dem AMS. Es gibt zwei Schienen, die eine beinhaltet Jobs für die Dauer von einem Jahr für Fahrscheinkontrollen, die zweite enthält Jobs gar nur für die Dauer von einem halben Jahr und zwar als Reinigungskraft in U-Bahn-Garnituren während der Fahrt. Ich glaube, mein Vater hätte nichts gesagt, er hätte nur ungläubig den Kopf geschüttelt und vielleicht hätte er die teuerste Zeitschrift der Welt abbestellt.

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(1) AMS: Arbeitsmarktdaten 07/2012

http://www.ams.at/_docs/001_eckdaten_0712.xls

(2) Wie der Arbeitsmarkt Verlierer schafft von Regina Brickner

http://derstandard.at/1343744141263/Pimperl--statt-Traumjob-Wie-der-Arbeitsmarkt-Verlierer-schafft

Literaturtipp:

Karin Scherschel, Peter Streckeisen, Manfred Krenn (Hg.): Neue Prekarität. Die Folgen aktivierender Arbeitsmarktpolitik - europäische Länder im Vergleich. Campus Verlag 2012, 316 Se


 KOMMENTARE 
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Anti-Kategorisierer am 19.8.2012 um 16:16:55:
Ein hervorragend geschriebener Artikel! Eines sei auch einmal klar gesagt: Wenn denn der technologische Fortschritt uns viel Arbeit einspart, erspart, abspart, dann brauchen wir gleichzeitig schöne Perspektiven für Menschen, die dann freie Zeit gewonnen haben! Doch bei uns stellt man diese Menschen als Sozialschmarotzer hin. Statt die freien Ressourcen für gesellschaftlich wichtige Projekte zu nützen, macht man die Menschen mürbe, bis sie in Depression oder Schlimmeres verfallen. Das ist unerträglich und für jede Gesellschaft kontraproduktiv. Mittels bedingungslosem Grundeinkommen für Alle könnten wir endlich auch erreichen, dass sich niemand mehr ausgegrenzt fühlen muss und dadurch krank wird, und erst recht wieder Kosten verursacht - abgesehen einmal vom privaten Schmerz. Die stigmatisierende, krank machende Einteilung in Arbeitslose u. Berufstätige könnte endlich fallen! Sie ist unerträglich.

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