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Thomas Lukscheider


MARYLIN MONROE:
Zum 50. Todestag



Sie las "Ulysses" von James Joyce, "A Farewell to Arms" von Hemingway, "Leaves of Grass" von Walt Whitman, den "Fall" von Camus. Sie schrieb Gedichte und korrespondierte mit Somerset Maugham. Die Rede ist von Marylin Monroe, bürgerlich Norma Jeane Mortenson.

Erst ganz allmählich sickerte ins Bewusstsein der helleren Köpfe, dass das Schema des Dummchens, der sinnlichen und zugleich beschränkten Blondine, auf Marylin Monroe absolut nicht zutrifft. Norma Jeane Mortensen war übrigens von Natur aus brünett, und wer unvoreingenommene BiographInnen (wie Ruth-Ester Geiger oder Donald Spoto), wer ihre Briefe oder Notizen liest, merkt rasch, sie gab sich zwar hin und wieder gern naiv, aber sie war es nicht.

Ihr Vater hatte Normas Mutter verlassen, als er von ihrer Schwangerschaft erfuhr. Ihre Mutter zog sie alleine auf. Eine Frau mit einem unehelichen Kind war bis weit in die Sechziger Jahre hinein offen geächtet. Heute läuft das subtiler ab. Heute drückt sich die Verachtung aus in Mittelentzug, Verweigerung von anständig bezahlten Halbtagsjobs und Kindertagesstätten, Spiessrutenlauf durch Behörden. Alleinerziehende Mütter gehören in Deutschland und Österreich (und nicht nur dort) auch heute mit zu den armutgefährdetsten Gruppen in der Gesellschaft.


"Emanzipierte" im Rampenlicht

Es erstaunt immer wieder, wie wenig gerade "hochoffiziell emanzipierte" Frauen im Rampenlicht sich für die Verbesserung der Lage alleinerziehender Mütter engagieren, mit welcher Selbstverständlichkeit eine Ursula von der Leyen, Maria Fekter oder Angela Merkel über die materiellen Sorgen dieser Menschen hinwegsehen. Das lässt sich mit Ahnungslosigkeit oder Nicht-Wissen allein nicht erklären. Da müssen im Unter- und Halbbewussten noch andere Ursachen, Wahrnehmungs- und Gefühlsmuster eine Rolle spielen.

Norma alias Marylin war ein unerwünschtes Kind. Ein Klotz am Bein ihrer Mutter. Sie bekam das zu spüren. Ausserdem litt ihre Mutter unter schizophrenen Schüben. Sie wurde, als Norma 8 Jahre alt war, in eine Nervenklinik eingewiesen.

Norma kommt zunächst bei einer Freundin der Mutter unter, bald darauf landet sie in einem Heim. Mit 10 Jahren beginnt sie zu stottern. Mit 11 wird sie einer Pflegefamilie zugewiesen. Die folgenden Jahre wird sie weiter herumgestossen und herumgereicht, lebt eine Zeitlang bei Verwandten, dann wieder bei Pflegeeltern.

Ein Mensch aus einigermassen behüteten Verhältnissen, kann letztlich nicht ermessen, welche Angst und Anstrengung es für ein Kind bedeutet, Armut und Demütigungen, die verwirrende Krankheit der Mutter und die ständigen Wechsel der Bezugspersonen zu verkraften.

Was die Lage in vielen Heimen angeht, so hat sich in den Nachkriegsjahrzehnten gegenüber den Dreissigerjahren nichts Entscheidendes geändert. Das zeigt die grosse Zahl der inzwischen aufgedeckten Misshandlungs- und Missbrauchsfälle, auch in angeblich "fortschrittlichen" Einrichtungen wie der Odenwaldschule.

1942, im Alter von 16 Jahren wird Norma verheiratet. Sie entgeht dadurch zwar der erneuten Einweisung in ein Heim, muss aber wegen gesetzlicher Bestimmungen die Schule verlassen. Sie arbeitet in Fabriken, schlägt sich mit Gelegenheitsjobs durch, lässt nebenher Fotoaufnahmen von sich machen, wird "entdeckt". Ende der Vierzigerjahre bekommt sie ihre ersten Filmrollen, wird als "schlichtes Blondchen mit Sexappeal" vermarktet.

1954 heiratet Marylin Joe DiMaggio, Baseball-Star und Sport-Idol. Die Ehe dauert nur neun Monate. DiMaggio war damals alles andere als ein ruhender Pol oder Fels in der Brandung. Er war nicht nur auf Marylins Filmpartner eifersüchtig, auch ihr Ruhm, der sehr bald den seinen überstieg, machte ihm zu schaffen.


Widerstand, Courage und Standvermögen

Gerne und oft wurden MM Star-Allüren und Zickenhaftigkeit nachgesagt. So meinte der Regisseur Otto Preminger (Fluss ohne Wiederkehr, 1954) in einem Interview "Marilyn Monroe ist wie Lassie. Mit ihr muss man 14 Mal die gleiche Szene drehen, bevor sie an der richtigen Stelle bellt."

Preminger hatte nicht begriffen: Vieles war schlicht ihre Art von Widerstand gegen eine Maschinerie, die sie verbiegen und entstellen wollte. Marylin Monroe war keineswegs begriffsstutzig. Sie merkte sehr wohl, wenn sie nicht als Mensch respektiert wurde und wehrte sich dann auf ihre Art, zum Beispiel indem sie eben 13 Mal das tat, was ihr gerade in den Sinn kam oder richtig erschien, ehe sie beim 14. Mal auf die Vorgabe oft schwacher Drehbücher einging.

Es gibt unter Hollywoods Regisseuren intelligente und weniger intelligente. Billy Wilder, der Regisseur von "Das verflixte 7. Jahr" (1955) und "Some like it hot" (Manche mögens heiss, 1959), gehört sicher zu den gewitztesten. Er meinte über Marylin Monroe und sein Metier: "Ich denke, sie war die beste Darstellerin der leichten Muse, die es im Film heutzutage gibt, und jeder, der sich auskennt, wird Ihnen sagen, dass die härteste Art von Schauspielerei die leichte Komödie ist."

Marylin Monroe hatte ihren eigenen Kopf und sie zeigte mehr als einmal Courage und Standvermögen.

Als Joe DiMaggio und MM heiraten, gelobt sie nicht, wie üblich, ihrem Mann zu gehorchen. Als Star-Regisseur Howard Hawks Marylins Schauspiellehrerin aus dem Studio verweist, tritt Marilyn Monroe in den Streik, bis ihre Nestorin wieder Zutritt zu den Studios bekommt. Als Arthur Miller, ihr dritter Ehemann wegen "antiamerikanischer Umtriebe" verhört und verurteilt wird, stellt sie sich entschlossen an seine Seite.

1955 wird die Ehe mit DiMaggio geschieden.

Mitte 1956 heiratet Marylin Monroe den Dramatiker Arthur Miller (sein wichtigstes Werk: Tod eines Handlungsreisenden). Drei Wochen nach der Hochzeit entdeckt sie Tagebucheinträge Millers, in denen er sie als unberechenbare Kindfrau schildert, für die er nur Mitleid empfindet. Trotzdem bleibt sie ihm zugetan, wünscht sich Kinder mit ihm. Wegen ihrer Endometriose kommt es jedoch zu einer Fehlgeburt, dann zu einer zweiten. Mitte Dezember 1958, nach einer weiteren Fehlgeburt, verfällt Marilyn Monroe in eine schwere Depression, von der sie sich nicht mehr wirklich erholt.


Vermintes Gelände

Es gibt Frauenthemen, da kann man(n) sich nur die Finger verbrennen. Die Chance missverstanden zu werden, beträgt 100%. Schwangerschaftsabbruch und Kopftuch sind zwei solcher Reizthemen. Es handelt sich um vermintes Gelände. Für jede und jeden. Trotzdem einige Anmerkungen zum Thema Schwangerschaft und Kinder.

Emanzipation heisst bekanntlich soviel wie Befreiung. Freiheit wird bedroht durch Zwang, aber auch durch Manipulation. Es gibt ungewollte Schwangerschaften, aber auch ungewollte Schwangerschaftsabbrüche. Ziel echter Emanzipation müsste sein, dass sich (nicht nur) Frauen wirklich frei entscheiden können, wie sie ihr Leben gestalten wollen. Eine echte Grundsicherung (nicht nur) für Alleinerziehende ist dafür die erste und unbedingte Voraussetzung.

Wahrheit ist immer konkret. 900 Euro für Ewachsene, also auch Mütter, und 450 Euro pro Kind monatlich sind das absolute Minimum, auf das die Betroffenen einen verfassunsgsrechtlich garantierten Anspruch haben sollten.

Es geht bei einer angemessenen Grundsicherung um elementare Freiheitsrechte - für alle, nicht nur für alleinerziehende Mütter oder Väter. Nur auf dieser Basis lassen sich wichtige Lebensentscheidungen - zumindest relativ - angstfrei und selbstbestimmt fällen. Und es geht bei den garantierten 450 Euro pro Kind und Monat um Kinderrechte, die endlich Teil der Verfassung werden müssen.

Doch solchen Initiativen stehen ausgerechnet die Vorzeige-Emanzipierten der heutigen "Liberalen" und "Konservativen" im Wege. Die Almosenbeträge für Kinder unter HartzIV und die Worte, mit denen eine Ursula von der Leyen diesen Skandal verteidigt, nähren den Verdacht, dass über den Weg der Mittelkürzung eine Auslese stattfinden soll, wer Kinder bekommen darf und wer nicht. Anders gesagt: Die HartzIV-Gesetze bedeuten auch eine Art Eugenik durch die Hintertür.

Nicht wenige Spitzenfrauen aus der neoliberal-hippen oder betucht-konservativen Ecke sehen anscheinend das Hauptziel ihrer Emanzipation darin, zu beweisen, dass sie noch härter und brutaler sein können als die männlichen Vertreter ihrer Zunft. Das zeigt sich in vielen Chefetagen, vor allem aber in den etablierten, regierungsverwöhnten Parteien. Hier scheint unter den konservativen "Führungsdamen" ein echter Konkurrenzkampf entbrannt zu sein, wer den eisigsten Maggie-Thatcher-Klon abgibt.

Überkompensation nennt man das in der Psychologie. Während Sarah Palin die eher polternde Thatcher-Variante darstellt, verkörpert Angela Merkel die erhabene. Die Spitzenpolitikerinnen der ÖVP schliesslich wie Bandion-Ortner, Rauch-Kallat oder Maria Fekter nähern sich in ihrem antifemininen Eifer bedenklich einer Karikatur. Einer höchst inhumanen allerdings. Und mensch fragt sich, ob es da nicht besser wäre, wenn... eine Marylin Monroe das Sagen hätte.


MajestätInnen ohne Kleider

Sie las "Ulysses", "A Farewell to Arms", "Leaves of Grass", den "Fall" von Camus, sie schrieb Gedichte und korrespondierte mit Somerset Maugham. Marylin Monroe war gewiss keine Intellektuelle - sie war auch keine Frauenrechtlerin. Dazu war sie zu spontan, taktisch unklug. Sie wäre im Prinzipienstreit, der unter den Vertreterinnen der verschiedenen feministischen Richtungen immer wieder aufflammt, gnadenlos untergegangen.

Sie war ein Mensch mit sehr viel Lebenserfahrung, wissbegierig. Sie suchte hinter die Geheimnisse der "gebildeten Welt" zu kommen und stellte nicht selten fest: Viele der umjubelten KaiserInnen hatten gar keine Kleider an.