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Zbigniew Menschinski
Slavoj Žižek: "enfant terrible" der modernen Philosophie
Slavoj Žižek verletzt nicht nur den akademischen Dresscode. Der slowenische Philosoph beteiligt sich auch ostentativ nicht am allgemeinen postmodernen Dirridari. Respektlos stellt er die derzeit gängigen Denkmuster, Moden und Methoden vom „linguistic turn“ bis zur „Dekonstruktion“ in Frage und einige ihrer Protagonisten bloss.
Das allein würde schon genügen, um ihn aus den heiligen Hallen des Wissenschaftsbetriebs zu verbannen. Doch Žižek geht noch weiter. Er verwendet sogar den inkriminierten Begriff "Kapitalismus" in seinen Thesen, betrachtet was dahintersteckt als Hauptursache für die Grundübel unserer Zivilisation und empfiehlt Marx als Apotheker.
Das erzeugt unter den Feuilletonisten von FOCUS, WELT und SPIEGEL die bekannten Reflexe - persönliche Anmache und Schickimicki-Häme. Musterbeispiel hierfür ist der Beitrag vom 11. Juli 2010 des SPIEGEL-Autors Philip Oehmke über das Philosophentreffen in der Berliner Volksbühne. „Der Denkautomat“ hat Oehmke seinen Žižek-Artikel genannt, der sich über 5 Teile und 10 Bildschirmseiten erstreckt.
Ein Denkautomat hat eigentlich kein derart wildes Potpourri an Anekdoten und Assoziationen auf Lager wie Žižek.
Aber „Denkautomat“ riecht so schön nach Stalinismus, bedient gleichermassen die Hysterie der kalten Krieger wie das Igittigitt-Gefühl der jeunesse doree. Und darauf kommt es dem SPIEGEL an.
Über Žižeks philosophischen Ansatz erfährt man von Oehmke nichts. Nichts über die interpassive Subjektivität als Gegenbegriff zu Hegels „List der Vernunft“. Nichts über seine psychoanalytisch inspirierte Deutung von Kants „Ding an sich“, nichts über „das Reale“ und seinen unvermittelbaren dunklen Rest, nichts über Žižeks Benjamin-Interpretation, - Hauptthema in seinem Werk „Die Puppe und der Zwerg“ - , nichts über den Versuch einer Ehrenrettung von Descartes' Cogito in „Die Tücke des Objekts“, nichts über das „radikal Böse" und schon gar nichts über den Schelling der Freiheitsschrift oder gar den der Philosophie der Offenbarung. Alles Denker und Begriffe, die fundamental sind für Žižeks Argumentation. Doch solche Themen überfordern den SPIEGEL-Autor offensichtlich. Man merkt: In solch tiefen Gewässern wäre er nicht nur ins Schwimmen geraten, sondern sang- und klanglos ertrunken.
Dafür erfahren wir bei Oehmke viel über Žižeks T-Shirts, dass Žižek in einem Motorboot Philosophie erklärt, dass Žižek Diabetes hat, dass Žižeks Freund, der französische Philosoph Alain Badiou, aussieht wie ein DDR-Rentner und dass in Žižeks Wohnung „über dem Sofa in Ostblockfarben (aha!, Z.M.) . . .ein Plakat von einer Mark-Rothko-Ausstellung“ hängt, dass "reden" bei Žižek „schreien, gestikulieren, spucken, schwitzen“ heisst, dass Žižek „einen S-Fehler“ hat, „der Buchstabe klingt bei ihm wie eine Fahrradluftpumpe.“
So würden vermutlich Henryk M. Broder oder ein 12-jähriger Backfisch, der gerade mit den Unbilden des Körperlichen kämpft, über einen Philosophiekongress berichten. Selbst die Kulturbeiträge in „Brigitte“ sind gehaltvoller als Oehmkes Sextaneraufsatz. Kurzum: Der Autor verrät viel über sich und das Magazin, für das er schreibt, aber nichts über Žižek und seine Ansichten.
Deshalb hier ein paar inhaltliche Anmerkungen zu Žižeks philosophischem Ansatz.
Žižeks Lacan-Rezeption, seine „Hermeneutik“ und „Erkenntnistheorie“
Žižek nimmt die Psychoanalyse in ihrer Ausprägung durch Jacques Lacan als Ausgangspunkt seiner eigenwilligen Art von Hermeneutik und Erkenntnistheorie. Lacans Schlüsselbegriffe sind: Das Reale, das Imaginäre, das Symbolische, der Herren-Signifikant und die Jouissance. Žižek löst sie aus dem indivdiduellen Rahmen und wendet sie ins Politische.
Das Symbolische
ist die soziale Realität, Sprache, Normen, alles, was sich in Worte und Institutionen fassen lässt. Auf dieser Ebene begegnen wir dem Herren-Signifikanten. Er bestimmt das Grundmuster des Wahrnehmens, Wertens, Denkens in einer Gesellschaft. Er ist die Größe, die unser Leben und Sprechen bestimmt. Unser Handeln und Verhalten kreist um die Frage: Was begehrt der "grosse Andere", der übermächtige gesellschaftliche Konsens, eben der Herren-Signifikant von mir, was begehre ich von ihm?
Das Imaginäre
ist das Selbst-Bild, das ich von mir habe. Dieses Selbstbild ist stark beeinflusst von Eltern, Gesellschaftsschicht, Schule, Massenmedien. Auf dieser Ebene kommt das "grosse A" (der/das „grosse Andere“) zum Zug. Der oder auch das "grosse Andere" ist der Deutungsrahmen aus Denkmustern, Mächten, Institutionen und vorgeblichen Sachzwängen, die uns als eine Art Naturgesetze eingebleut werden und entgegentreten.
Durch das gängige kapitalistisch induzierte Selbstbild sehen wir nicht nur den Mitmenschen, sondern auch uns selbst unter dem Aspekt der Verwertbarkeit, der (Ver-)Käuflichkeit, als Ware, die ihren Wert letzlich im Preis hat, den sie auf dem Markt erzielt. Wir sehen uns selbst vornehmlich als Objekt, das sich in jeder Hinsicht „verkaufen“ muss.
Unter Jouissance (frz. Genuss, Geniessen) verstand Lacan ursprünglich nur den sexuellen Genuss, später beschreibt er mit diesem Begriff jede Form der (Aus-)Nutzung des Mitmenschen. Žižek deutet dieses Geniessen-Müssen als Aspekt der alles durchtränkenden Ausbeutung im Kapitalismus. Die herkömmliche „Demokratie“ verschleiert laut Žižek im Kapitalismus notdürftig die "Diktatur der Jouissance", die Medien-"Demokratien" a la Berlusconi und Putin zeigen die wahren Mechanismen, die hinter der bürgerlich-demokratischen Fassade lauern.
Das Reale
ist das Dunkle, Irrationale,,Chaotische, der unvermittelbare "Ur- und Ungrund" (Schelling) hinter unseren Worten, Begriffen, Rationalisierungen, Deutungen, Kants "Ding an sich", das uns affiziert, das wir aber nie ganz durchschauen oder beherrschen können.
Philosophiegeschichtliche Aspekte
Oberflächliche Darstellungen von Žižeks Denken kaprizieren sich auf seine Anekdoten, Witze, Filmillustrationen. Doch Žižeks Überlegungen ruhen auf einer fundierten theoretischen und philosophiegeschichtlichen Basis.
Schlaglichter auf einige von Žižeks Werken sollen dies verdeutlichen.
Die Tücke des Subjekts (dt. 2001)
Subjektivität wird heute als unüberpüfbare, willkürliche Einstellung verstanden, als ein Konglomerat aus indivduellen zufälligen Gefühlen und Befindlichkeiten. Ganz anders, so Žižek, sei aber der Subjektbegriff bei Descartes zu verstehen, nämlich als Punkt, der das bunte Kaleidoskop unserer Befindlichkeiten beleuchtet, als die Basis von Identität und Wahrheit schlechthin. Das Ich des "Cogito", das cartesianische Subjekt, ist der archimedische Punkt der (Selbst-)Kritik, der nie objekivierbare Grundpfeiler unserer Existenz, Grundlage echter Intersubjektivität, an dem subjektive Vorlieben zerschellen.
Die Puppe und der Zwerg (dt. 2003)
Žižek nimmt die "Geschichtsphilosophischen Thesen" Walter Benjamins zum Ausgangspunkt seiner Kritik am Fortschrittsglauben. Es geht nicht darum, die Fahrt im Zug des Fortschritts immer weiter zu beschleunigen, sondern darum, "die Notbremse zu ziehen", die Verstümmelung und Instrumentalisierung von Natur und Mensch zu stoppen.
Ursprünglich war das Christentum, die aufkeimende christliche Theologie, eine Kraft, die sich dem falschen, versklavenden Bewusstsein, dem Herren-Signifikanten widersetzt hat. Žižek geht der Frage nach: Wie kam es zur Perversion des subversiven Kerns im Christentum?
Žižek bezeichnet sich selbst als "christlichen Atheisten". Paulus sieht er – ähnlich wie Alain Badiou - als eine Art christkommunistischen Lenin, der ganz praktisch ein Konzept des Universalismus gelebt und verfolgt hat. Zu dieser unkonventionellen Sicht passt Žižeks Bewunderung für Gilbert Keith Chesterton. Nur ein orthdoxer Glaube (an ein ewiges Leben) durchbricht die (pagane und moderne) Gefahr von Depression und Lähmung.
Die politische Suspension des Ethischen (dt. 2005)
In desem Buch setzt sich Žižek mit modernen Entwürfen von Ethik auseinandner. Er macht auf Paradoxien, Widersprüche und Zweideutigkeiten in den Konzepten von Butler, Laclau, Levinas, Negri und Hardt aufmerksam. Allgemen wirft er diesen Konzepten vor, ein falsches, weil rosa getöntes und damit unvollständiges Bild vom Menschen zu zeichnen. Die Weichzeichnung und Idealisierung des Menschen führt zu einer Ethik ohne Kraft, weil ohne Reailtitätsbezug. Allzusehr - so Žižeks - glorifiziert zum Beispiel der französische Philosoph Emanuel Levinas mit seiner Schwärmerei vom "Antlitz des Anderen" den Menschen und blendet dadurch seine monströsen Anteile aus. Das Gesicht des Anderen, meint Žižek, ist heute eher und häufiger Maske und Instrument der Täuschung zwecks Erlangung sehr stupdier und banaler Vorteile als aufrichtiges Spiegelbild der Wahrheit.
Auf verlorenem Posten (dt. 2009)
Dieser Essay thematisiert das Politische und die Postmoderne. Žižek bestreitet die Hauptthese der Postmoderne, dass die Zeit der „grossen Erzählungen“ vorüber (Lyotard) und dass die Ära des „Anything goes“ (Feyerabend) angebrochen sei. Nein, sagt der Slowene, das Gegenteil ist richtig. Die grossen Erzählungen waren nie tot, sie melden sich mit Macht zurück und neue „grosse Erzählungen“, Sinndeutungen, Utopien sind entstanden. So z.B. in Lateinamerika die "Bolivarische Befreiungsströmung", im Westen die Renaissance des Mystischen in religiösen und esoterischen Kreisen oder die Rückbesinnung auf den Koran in der islamischen Welt.
Es ist zu fragen, ob nicht die Vulgärform des Darwinismus, die vor allem in den arrivierten Kreisen des Westens kursiert, d i e "grosse Erzählung" des Kapitalismus ist, ob der reduktive Soziobiologismus nicht dem kapitalistischen Konkurrenzprinzip eine naturmythische Aura verleiht.
Žižek warnt die Kritiker vor blindem Aktionismus und emmpfiiehlt das Gegenteil, nämlich kühl zurückzutreten und eine autonome „kognitive Landkarte“ zu entwerfen. Eine Orientierung, die nicht von der "Diktatur der Jouissance" korrumpiert werden kann.
Žižeks Marxismus
Žižek bezeichnet sich als Marxist, sein Marxismus ist jedoch alles andere als doktrinär. Žižek benutzt nicht die herkömmlichen Formeln und Floskeln, er sieht anders als die marxistischen „Scholastiker“ im Kapitalismus keine Erscheinung, die nach historisch-ökonomischen Gesetzen notwendigerweise irgendwann vom Sozialismus abgelöst wird. Viel wahrscheinlicher ist aus seiner Sicht, dass die derzeitige Entwicklung in eine gigantische Katastrophe mündet. Sein Endzeitszenario aus entfesselter Biopolitik und Naturzerstörung illustriert er in Besprechungen von Endzeitfilmen.
Das Ende des Kapitalismus ist für Žižek also nicht, wie plumpe Marxismen gern betonen, durch ökonomische Gesetze wie den tendentiellen Fall der Profitrate vorherbestimmt. Der Kapitalismus ist aus Žižeks Perspektive vor allem charakterisiert durch die Grundhaltung einer Anti-Ethik. Das Niederkonkurrieren, Nieder- und Kleinmachen des Nächsten, Diskriminierung, Mobbing, Schaulust, Schadenfreude, wie sie in den Massenmedien täglich zelebriert und antrainiert werden, gehören zum Kern kapitalistischer Deformation und Methodik.
Die "Jouissance“, die Ausbeutung des Mitmenschen, wird als angeblicher "Sinn und Zweck“ der Natur andressiert. Diese Konditionierung, die Umwertung der Werte ist das Grundproblem kapitalistischer Gesellschaften. Eiseskälte, Grausamkeit, Abstumpfung gegenüber Leid wird zu Coolness und Smartheit umgedeutet. Dummheit und Rücksichtslosigkeit gelten als Durchsetzungsvermögen. Bosheit wird umetikettiert zu Intelligenz und Raffinesse.
In einem seiner berühmten Witze macht Žižek klar, was Kapitalismus im Grunde heisst. Gott trifft auf einen slowenischen Bauern und schlägt ihm vor: Ich erfülle dir jeden Wunsch, aber bedenke: Das was ich dir tue, werde ich deinem Nachbarn doppelt tun. Der Bauer überlegt kurz und sagt dann: Nimm mir ein Auge!
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